Strukturelle Hürden, wohin das Auge reicht: Anne-Mieke Bremer im Gespräch mit Jugendwohngruppe für unbegleitete minderjährige Ausländer
Seit drei Jahren bietet NEXT, die stationäre Wohngruppe des Trägers kijuku gGmbH, unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten ein Zuhause mitten im Nienburger Ortsteil Erichshagen-Wölpe. Genauso lange dauert der Kampf gegen behördliche Willkür und den strukturellen Personalmangel in diversen Behörden auch schon an, wie kijuku-Geschäftsführerin Diana Bolm und Wohngruppenleiter Fabius Lehrich im Gespräch mit Anne-Mieke Bremer am 29. Juni 2026 berichteten. Denn der Antrag auf die Nutzungsänderung des Wohnraumes, die nötig ist, um das Wunschmodell einer hybriden Jugendwohngruppe möglich zu machen, liegt seit 3 Jahren unbearbeitet beim Bauamt. Lehrich berichtete, dass das Team von NEXT gern eine Jugendwohngruppe anbieten würde, in der deutsche Jugendliche sowie geflüchtete Jugendliche gleichermaßen zusammenleben können. Das Team, das Haus und das Konzept sind schon da, nur die Genehmigung fehlt. Grund dafür ist der dauerhafte Personalmangel bei der zuständigen Behörde.
Gleichzeitig zeigt sich hier aber auch ein krasser Doppelstandard, denn der Betrieb der Wohngruppe für minderjährige Geflüchtete an sich ist genehmigt, nur für die Unterbringung deutscher Jugendlicher ist der Antrag auf Nutzungserweiterung überhaupt nötig. „Es ist verrückt, dass für deutsche Jugendliche offenbar ganz andere Qualitätsstandards gelten“, hielt Wohngruppenleiter Fabius Lehrich während des Gesprächs treffenderweise fest. Für die Wohngruppe NEXT eine sehr prekäre Situation, denn zusätzlich dazu steht nach wie vor nicht fest, ob die Finanzierung der Wohngruppe weiterhin gesichert ist. Flüchtlingshilfe wird immer für zwei Jahre genehmigt, der aktuelle Bescheid läuft im Sommer 2027 aus. Aufgrund der anstehenden Kommunal- und Landtagswahlen in Niedersachsen hält sich das Landesjugendamt in Hannover bedeckt, was dem Team des Trägers kijuku die Planung unmöglich macht.
Auch die Verschärfung der Asylpolitik durch die Bundesregierung bereitet den Fachkräften von NEXT Kopfzerbrechen. Die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten sind umso mehr behördlicher Willkür ausgeliefert, seitdem die schwarz-rote Bundesregierung sich möglichst viele Abschiebungen zum Ziel gesetzt hat. Viele der in Nienburg untergebrachten Jugendlichen gehen zur Schule, bekommen Ausbildungsverträge und dürfen dann aber nicht arbeiten, weil sie keine Arbeitserlaubnis bekommen. Oder sie können die Ausbildung nicht abschließen, weil ihnen kurz vor Ausbildungsende die Arbeitserlaubnis entzogen wird. Hinzu kommt die stete Ungewissheit, ob diese jungen Menschen überhaupt bleiben dürfen, denn in undurchsichtigen Verfahren versucht das BAMF regelmäßig, die unbegleiteten Minderjährigen abzuschieben. Bislang konnten entsprechende Abschiebungen verhindert werden, doch Fabius Lehrich und Diana Bolm berichten auch: Vielen Träger haben das Problem, dass sich die Regularien und Verfahren derart schnell verändern, dass die Fachkräfte oft gar nicht auf dem aktuellen Wissensstand sind und die betroffenen jungen Menschen deshalb nicht ausreichend unterstützen können. Eine Situation, die sowohl bei Fachkräften als auch bei den jungen Geflüchteten für anhaltende Frustration sorgt.
„Die Asylpolitik der Bundesregierung ist menschenfeindlich und mit unserer Verfassung nicht vereinbar. Dass in diesem konkreten Fall junge Menschen, die bereits zahlreiche traumatisierende Erfahrungen auf ihrer Flucht gemacht haben und deshalb umso mehr Sicherheit und Stabilität verdient haben, menschenunwürdige Politik ausbaden müssen, ist unfassbar. Als linke Abgeordnete ist es für mich selbstverständlich, meine Hilfe in Form von Abgeordnetenbriefen, Vernetzung zum Flüchtlingsrat Niedersachsen oder dem Hinweis, dass Fördermittel beim Fraktionsverein beantragt werden können, anzubieten“, hält Anne-Mieke Bremer im Anschluss an den Termin fest.
Mit Blick auf die Kommunalwahl in Niedersachsen in diesem Jahr und die Landtagswahl im nächsten Jahr ergänzt Bremer außerdem: „Es braucht Kommunen und auch eine Landesregierung, die das Wohl von Menschen in prekären Lebenslagen in den Mittelpunkt stellen. Gerade in Anbetracht der von der Bundesebene angekündigten Kürzungen in der Jugendhilfe kann es nicht sein, dass ein Träger bei dem Versuch, eine dringend gebrauchte Wohngruppe einzurichten, ausgebremst wird, weil es in den Behörden an Personal fehlt.“
